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  Aus Briefen ehemaliger Belvederer

Es war eine schöne Zeit in Belvedere (24.10.2011)
Von 1954 bis 1958 war ich im Internat der „Fachgrundschule für Musik“ Schloss Belvedere in Weimar. Dies war für mich eine sehr schöne Zeit.
Zusätzlich zur Verwaltung mit Direktor, Verwaltungsdirektor, Sekretärinnen und den Lehrern gab es eine Schülerselbstverwaltung, die so genannte Zentrale Schulgruppenleitung (ZSGL) [...], die mit Lehrern zusammen Aktivitäten organisierte. Dies alles innerhalb der FDJ, der „Freien Deutschen Jugend“. Unsere Schule hatte auch eine Abteilung der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST), wo ich z.B. Motorrad fahren gelernt habe. Fußball gespielt haben wir in unserer Freizeit fast jeden Tag hinter dem Schloss. Da ist gar manche Fensterscheibe zu Bruch gegangen. Spiele gegen Schülermannschaften fanden im Austausch statt. In Weimar auf dem Sportplatz in Ehringsdorf. Der Sportunterricht beschränkte sich in dieser Zeit im wesentlichen auf Laufen. Laufstrecken im Sportunterricht waren Geraden im Park. [...] Es fand auch ein Staffellauf „Rund um Belvedere“ statt. [...] Als Schulgruppe besuchten wir Leipzig, Eisenach, Neustrelitz, Sondershausen und machten einen Besuch bei einer Einheit der NVA [Nationale Volksarmee] in Erfurt. Die NVA machte eine Übung im Schlosspark, in der unsere Schule vor einem westlichen Aggressor verteidigt werden musste. Ein Ansprechpartner war da selbstverständlich die ZSGL.
Auf Belvedere habe ich Tanzen gelernt, der Tanzkurs war in der Baracke am Teich. Dort fanden auch Kinovorführungen statt, zu denen auch die Bauern aus der Gegend kamen. Alles organisiert von der ZSGL. Wenn es am Abend noch freie Plätze im Nationaltheater gab, konnten wir kostenlos in die Vorstellung. In dieser Zeit fanden auch Vorstellungen des Nationaltheaters im Belvederer Theater statt. An „Clavigo“ kann ich mich noch erinnern. Die Schule hatte eine eigene Theatergruppe. Im kleinen Theater haben wir „Die Gewehre der Frau Carrar“ von Bertolt Brecht aufgeführt. Orchester und Chor gehörten ebenso zum Ausbildungsprogramm wie Musizieren in kleineren Ensembles. [...]
Es war eine schöne Zeit in Belvedere, obwohl wir keine Zentralheizung hatten, jeweils zwei Zimmer eine Toilette und in der ganzen Schule gab es nur eine Dusche, die sich Lehrer und Schüler teilen mussten. [...] Die Verhältnisse, sie waren halt so.
Ich war als Geiger und Dirigent von 1961 bis 1964 in Südamerika, in Chile. Ab Wintersemester 1964 studierte ich wieder Geige und Dirigieren in der Hochschule in Frankfurt am Main. Die Rückkehr nach Chile verzögerte sich aus politischen Gründen, so machte ich beim Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunk in Frankfurt Probespiel und bin seit Februar 1966 2. Geiger und seit September 2000 Pensionär des HR. Neben der Tätigkeit im Orchester spielte ich im Dornbuschquartett. Neben Rundfunk- und Fernsehaufnahmen erspielten wir uns mit dem Quartett auch einige Preise. Der “Preis der deutschen Industrie” versetzte uns in die Lage, Unterricht bei Shandor Vegh und beim Janacek-Quartett zu nehmen. Konzerte folgten in vielen Ländern. In der Zeit von 1977 bis 1989 war ich ständiges Mitglied im Orchester der Bayreuther Festspiele. Aber nicht nur Musik war mir wichtig, auch die gewerkschaftliche Vertretung der Kollegen war mir Herzensangelegenheit. Mehr als 25 Jahre war ich u.a. als Orchestervorstand, Personalrat des HR, Delegierter und Mitglied des Hauptvorstandes der DOV [Deutsche Orchestervereinigung] tätig. Eigentlich ein schönes, bewegtes Leben.
Herzliche Grüße
Ihr Altbelvederer Alois Niessner

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