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Musikgymnasium Schloss Belvedere
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  Aus Briefen ehemaliger Belvederer

Die seit Eröffnung dieser Seite im Dezember 2008 von Alois Niessner, Ingo Poser, Dorit Töpler und Norbert Wölz geschriebenen Beiträge mögen viele Alt-Belvederer dazu ermuntern, mit eigenen Erinnerungen und Gedanken das hier gezeichnete Bild vom Leben und Lernen an dieser Ausbildungsstätte zu erweitern.

Über Belvedere vor der Sanierung, Internatserlebnisse und einen vorzeitigen Abschied (31.12.2008)
Schloss Belvedere, heute schick saniert, war in grauer Vorzeit (und als es noch nicht so schick saniert war) meine zweite Heimat. Anfang der Neunziger gab's dort noch qualmende Ofenheizung, herabfallenden Putz, knarrende Treppenhäuser und jede Menge Touristen, die das alles sehr romantisch fanden. Wir waren damals anderer Meinung. Schließlich mussten wir ja die Kohlen schleppen und nicht sie. […] Und von der morgendlichen Eiseskälte in den Zimmern und im Waschraum rede ich erst gar nicht.
Nun? Es war einfach wunderbar. Der riesige Park, das Gefiedel aus den im Sommer geöffneten Fenstern, die typischen Internatserlebnisse – gegen nichts sind diese Erinnerungen einzutauschen. Heimliche Schlitten- und Rutschpartien im Winter [...], kleine Konzerte im Park für die Touristen, die dafür ordentlich Kleingeld springen ließen [...]. In angenehmer Erinnerung ist mir auch die Tatsache, dass ein gewisser Mathematiklehrer mit Ritter Sport bestechlich war und begeisternd Gruselgeschichten erzählen konnte. […]
Heute finde ich Belvedere in seinem neuen Glanz immer noch hinreißend. Aber damals war's trotzdem am allerbesten.
Ganz so „allerbest“ ging es bei mir zwar nicht zu – zumindest, was die Erfolge der musikalischen Ausbildung betrifft. Es ist nun mal nicht jeder zum Künstler geboren. Und so hieß es bei mir vorzeitig „Koffer packen“. Heiße Tränen sind damals geflossen – war doch Belvedere mit seiner Gemeinschaft für mich zum Lebensinhalt geworden. Im Rückblick war der Abschied von Belvedere zwar sehr schmerzlich, aber unvermeidlich und auch richtig. Heute bin ich begeisterte Hobby-Musikerin, die sich gerne in Kammermusikgruppen, in Bands und in Chören etabliert. […]
Beruflich bin ich nach dem Abitur, einem Freiwilligen Sozialen Jahr und einem Studium seit mehreren Jahren für eine Menschenrechts- und Hilfsorganisation tätig. Diese Arbeit ist spannend, erfüllend und teilweise außergewöhnlich. Die Musik und meine auch sonst sehr ausgeprägten kreativen Talente begleiten mich weiter, und […] so kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen.
Ich wünsche allen Belvederern einen erfüllenden Lebensweg, wo auch immer er hinführt.
Dorit Töpler (geb. Müller, Belvederer Internatsschülerin von 1990 bis 1993)
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[...] die Belvederer Zeit aus heutiger Sicht zu beurteilen, fällt mir nicht ganz leicht, […] (06.01.2009)
Meiner Meinung nach war die Atmosphäre im Belvedere meiner dortigen Schulzeit (1970 bis 1974) hauptsächlich geprägt von drei Faktoren:
1. von der sehr strengen, absolut [DDR-]staatskonformen Leitung der Schule
(vor allem durch den Direktor),
2. vom fast verschwörerischen Zusammenhalt der Schüler und dem daraus
resultierenden Vertrauen untereinander,
3. vom höheren musischen Niveau aller Beteiligten.
Punkt zwei ergab sich fast automatisch aus Punkt eins […]. Ich persönlich war jedenfalls in hohem Maße auf die Freundschaft, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und das Vertrauen meiner Mitschüler angewiesen, […]. Resümierend kann ich heute sagen: Es war trotz aller negativen Erlebnisse (siehe Punkt 1) eine schöne und wertvolle, auch prägende Zeit im Belvederer Internat, und ich möchte so manche Erinnerung daran auf keinen Fall missen.
[Wie bewerte ich] den Unterricht (Musik und Allgemeinbildung)?
[…] Aus vielen Gesprächen und auch eigenen Erfahrungen im Nachhinein glaube ich jedoch sagen zu können, dass das Niveau der Vermittlung der Allgemeinbildung (dazu zähle ich jetzt auch die musikspezifischen Fächer) durchschnittlich höher war als im sonstigen Lande. Das mag zum einen auf der fast durchgehend hohen Kompetenz und Motivation der Lehrerschaft beruht haben, zum anderen sicher auch auf dem grundsätzlich etwas höheren Niveau der Schüler. Was hier vielleicht etwas überheblich klingt, liegt ja aber schon in der Natur der Sache: Wer bereits in diesem Alter auf ein Studium zusteuert, hat in den meisten Fällen auch früh eine hohe Lern- und Arbeitsmotivation, das ist dann auch vielfach elternhaus-geprägt. […] Der Zuwachs ergab sich in meinem Fall vor allem aus der gegenseitigen Motivation der Schüler […], ich habe also mehr geübt, als ich es zuhause getan hätte. Insgesamt kann ich sagen, dass die instrumentalfachliche Ausbildung in Belvedere zumindest so gut war, dass praktisch fast 100% ohne Probleme als Studenten an der Hochschule aufgenommen wurden, aber das war ja auch der Sinn der Übung.
[Das Internatsleben] war vor allem geprägt von den gemeinsamen Aktionen von uns Schülern, und daran habe ich fast ausschließlich positive Erinnerungen; mich ereilen regelmäßig sentimentale Gefühle, wenn ich mich an die vielen Begebenheiten erinnere. Der Grund liegt sicher auch darin, dass wir ja nicht nur Schulkameraden waren, sondern fast Familie, man hat ja […] praktisch alles gemeinsam gemacht. Und das prägt und verbindet natürlich in viel intensiverem Maße, als das zuhause an einer normalen Schule mit normalen Schulfreunden passiert. Zudem muss man konstatieren, dass Belvedere rein als Lokalität schon einen Vorteil (auch gegenüber den anderen drei Spezialschulen) hatte. Welch ein Privileg, in einem Schloss-Ensemble mit großem Park und Orangerie leben zu können; das haben wir damals natürlich nicht so recht zu würdigen gewusst, aber wir haben es genutzt und heute weiß ich, welch tiefe Spuren allein dieser Aspekt in mir hinterlassen hat, und bin dankbar dafür.
Nach meinem Studium an der Weimarer Musikhochschule (1974-79) hat es mich an die Küste verschlagen, wo ich noch heute lebe und arbeite und zwar als Solocellist der Norddeutschen Philharmonie Rostock. Ich habe nie bereut, diesen manchmal auch entbehrungsreichen Weg gegangen zu sein, und trotz mancher Ernüchterung liebe ich meinen Beruf immer noch und kann mir nicht vorstellen, ohne die Musik leben zu können.
[Abschließend] möchte ich […] mit einem Satz von Victor Hugo […] allen Verantwortlichen viel Erfolg und ein großes Herz bei der Ausbildung der ihnen anvertrauten jungen Menschen wünschen: "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist."
Mit herzlichen Grüßen
Norbert Wölz

Resonanz nach 32 Jahren (28.04.2009)
Auf [dieser] Seite habe ich voller Erstaunen ein Bild entdeckt, das mir eine unerwartete Freude gemacht hat. Ich kenne nur zwei Personen aus der Gruppe, aber der eine ist [...] mein Klassenleiter von 1973 bis 1977, der andere [...] mein Geschichtslehrer, für mich in meiner Belvederer Zeit wie ein Freund und Mentor, beide hatten nachhaltigen Einfluss auf mein weiteres Leben.
Genau deshalb schreibe ich diese Zeilen, aber auch weil mich die Erinnerungen an die phantastische Zeit, die ich in Belvedere hatte, durch mein ganzes bisheriges Leben begleitet haben und die damaligen Akteure, auch wenn ich die meisten über viele Jahre nicht gesehen habe, vor meinem inneren Auge präsent sind, als wäre es gestern, dass wir uns begegnet sind.
Nach der Belvederer Zeit habe ich Musik studiert (Kontrabass) und 20 Jahre im MDR-Sinfonieorchester Leipzig gearbeitet. [...]
Die Belvederer Zeit von 1973 bis 1977 gehörte zum Besten in meinem Leben, schon aus diesem Grund fahre ich mehrmals im Jahr nach Weimar, um in Belvedere Erinnerungen wach zu halten, den Park und das schöne Umfeld zu genießen und aufzutanken. Inzwischen ist es zur Gewohnheit für mich geworden, vor wichtigen Entscheidungen in meinem Leben nach Belvedere zu fahren und dort, in der mir liebsten Umgebung, nachzudenken und Lösungen zu finden. [...] Noch ein Wort zur Zeit 1973 bis 1977, also tiefste DDR-Zeit, was für mich kein Nachteil war, dieses Land war mein Heimatland und ist es bis heute (in der Seele zumindest) geblieben. Ich hatte das große Glück, die äußere und innere Freiheit in Belvedere und den Zwang, sich in sehr jungen Jahren schon auf eigene Füße stellen zu müssen, genießen zu können. Daran haben mich auch einige störende Nebengeräusche nicht gehindert, [...].
Jahre, in denen man sich die Grundlagen für das weitere Leben selbst zu erarbeiten beginnt, in Belvedere verbringen zu dürfen und Kraft aus diesem Refugium ziehen zu können, ist ein seltenes Glück, vor allem wenn man bedenkt, dass der Rest des Lebens kaum so paradiesisch ist, was wiederum auch gut und weise ist. In diesem Sinne, danke für´s "Zuhören" und alles Gute!
Von Herzen
Ingo Poser

Es war eine schöne Zeit in Belvedere (24.10.2011)
Von 1954 bis 1958 war ich im Internat der „Fachgrundschule für Musik“ Schloss Belvedere in Weimar. Dies war für mich eine sehr schöne Zeit.
Zusätzlich zur Verwaltung mit Direktor, Verwaltungsdirektor, Sekretärinnen und den Lehrern gab es eine Schülerselbstverwaltung, die so genannte Zentrale Schulgruppenleitung (ZSGL) [...], die mit Lehrern zusammen Aktivitäten organisierte. Dies alles innerhalb der FDJ, der „Freien Deutschen Jugend“. Unsere Schule hatte auch eine Abteilung der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST), wo ich z.B. Motorrad fahren gelernt habe. Fußball gespielt haben wir in unserer Freizeit fast jeden Tag hinter dem Schloss. Da ist gar manche Fensterscheibe zu Bruch gegangen. Spiele gegen Schülermannschaften fanden im Austausch statt. In Weimar auf dem Sportplatz in Ehringsdorf. Der Sportunterricht beschränkte sich in dieser Zeit im wesentlichen auf Laufen. Laufstrecken im Sportunterricht waren Geraden im Park. [...] Es fand auch ein Staffellauf „Rund um Belvedere“ statt. [...] Als Schulgruppe besuchten wir Leipzig, Eisenach, Neustrelitz, Sondershausen und machten einen Besuch bei einer Einheit der NVA [Nationale Volksarmee] in Erfurt. Die NVA machte eine Übung im Schlosspark, in der unsere Schule vor einem westlichen Aggressor verteidigt werden musste. Ein Ansprechpartner war da selbstverständlich die ZSGL.
Auf Belvedere habe ich Tanzen gelernt, der Tanzkurs war in der Baracke am Teich. Dort fanden auch Kinovorführungen statt, zu denen auch die Bauern aus der Gegend kamen. Alles organisiert von der ZSGL. Wenn es am Abend noch freie Plätze im Nationaltheater gab, konnten wir kostenlos in die Vorstellung. In dieser Zeit fanden auch Vorstellungen des Nationaltheaters im Belvederer Theater statt. An „Clavigo“ kann ich mich noch erinnern. Die Schule hatte eine eigene Theatergruppe. Im kleinen Theater haben wir „Die Gewehre der Frau Carrar“ von Bertolt Brecht aufgeführt. Orchester und Chor gehörten ebenso zum Ausbildungsprogramm wie Musizieren in kleineren Ensembles. [...]
Es war eine schöne Zeit in Belvedere, obwohl wir keine Zentralheizung hatten, jeweils zwei Zimmer eine Toilette und in der ganzen Schule gab es nur eine Dusche, die sich Lehrer und Schüler teilen mussten. [...] Die Verhältnisse, sie waren halt so.
Ich war als Geiger und Dirigent von 1961 bis 1964 in Südamerika, in Chile. Ab Wintersemester 1964 studierte ich wieder Geige und Dirigieren in der Hochschule in Frankfurt am Main. Die Rückkehr nach Chile verzögerte sich aus politischen Gründen, so machte ich beim Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunk in Frankfurt Probespiel und bin seit Februar 1966 2. Geiger und seit September 2000 Pensionär des HR. Neben der Tätigkeit im Orchester spielte ich im Dornbuschquartett. Neben Rundfunk- und Fernsehaufnahmen erspielten wir uns mit dem Quartett auch einige Preise. Der “Preis der deutschen Industrie” versetzte uns in die Lage, Unterricht bei Shandor Vegh und beim Janacek-Quartett zu nehmen. Konzerte folgten in vielen Ländern. In der Zeit von 1977 bis 1989 war ich ständiges Mitglied im Orchester der Bayreuther Festspiele. Aber nicht nur Musik war mir wichtig, auch die gewerkschaftliche Vertretung der Kollegen war mir Herzensangelegenheit. Mehr als 25 Jahre war ich u.a. als Orchestervorstand, Personalrat des HR, Delegierter und Mitglied des Hauptvorstandes der DOV [Deutsche Orchestervereinigung] tätig. Eigentlich ein schönes, bewegtes Leben.
Herzliche Grüße
Ihr Altbelvederer Alois Niessner